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Aachener Nachrichten August 2002- In Schubladen nach verlorener Zeit suchen

Gepostet von am 12. Aug 2002 in Presse | Keine Kommentare

Aachener Nachrichten August 2002- In Schubladen nach verlorener Zeit suchen

Von Nachrichten-Redakteurin Andrea Zuleger

Christa Beckers ist selbstständige Zeitmanagerin und dem Chaos gewachsen

In Schubladen nach verlorener Zeit suchen

Euregio. In Michael Endes Geschichte „Momo“ sind es die grauen Herren, die den Menschen Zeit rauben. Wem sie Stundenblumen stehlen, der hetzt durchs Leben. Christa Beckers macht beruflich das Gegenteil. Als Zeitmanagerin will sie ihren Kunden Stunden zurückgeben.
Die Suche nach der verlorenen Zeit ist einerseits hoch philosophisch, andererseits fängt sie ganz unten an. Im Büro ganz unten in der Schublade. Da befördert der Chaot die wunderlichsten Papiere, lange gesuchte Akten und inzwischen ungültige Telefonnummern zu Tage. DieSuche vor dem großen Reinemachen hat das ein oder andere Stündchen und ein paar Nerven gekostet. Schlimm wird es erst, wenn die Papiere über den Kopf wachsen oder ein Projekt scheitert, weil Wichtiges im Gewusel verloren gegangen ist. Dann kommt Christa Beckers in Spiel. Sie beginnt da, wo die Not am dringendsten ist: „Ich sortiere Stapel nach Stapel, danach trainiere ich mit den Kunden, wie sie Wesentliches von Unwesentlichem trennen und wie sie lernen, sich selbst zu organisieren“, erklärt die 39-Jährige. Beim Sortieren lernt sie ihre Kunden kennen, weiß, wo Schwachpunkte liegen, wo die Stundenräuber am Werk sind. Manchmal wird sie von einer Firma beauftragt, viele sind ebenfalls selbstständig wie sie. Im Gepäck hat Christa Beckers immer eine Rechnung, in der sie aufstellt, wie viel Zeit zur Verfügung steht. Einer 35-Jährigen zum Beispiel bleiben bei einer Lebenserwartung von 70 Jahren noch 200 000 Stunden. Das wirkt überschaubar. Und es verdeutlicht, dass jede Stunde des Wühlens in Papierbergen von der Lebenszeit abgeht. Vielleicht ein Vorbild. Außerdem raubt Ziellosigkeit Zeit. „Wenn jemand unzufrieden ist, dann muss er erst mal neue Ziele setzen“, weiß die gebürtige Österreicherin aus Mönchengladbach. Ein spezielles Problem haben Frauen: „Sie wollen oft Beruf und Familie und wissen nicht wie“, so Christa Beckers. Auch scheinbar widerstrebende Ziele ihrer Kunden zu verbinden, sieht sie als ihre Aufgabe.
Als Mutter zweier Kinder und Selbstständige dient sie selbst als Beispiel und vielleicht auch Vorbild. Denn sie hat ihre Fähigkeiten analysiert, Ziele gesteckt, und dabei auch ihren Lebensweg einbezogen. Der ist gelinde gesagt bunt. Als 17-Jährige erfüllte sie sich den ersten Traum und ging als Eiskunstläuferin mit „Holiday on Ice“ auf Tour, nahm danach eine Au-Pair-Stelle in Amerika an, pendelte auf Liebeswegen zwischen Österreich und Deutschland, arbeitetet als Kellnerin und an der Rezeption, als Chefsekretärin und bei einer Betriebsberatung. Negativ formuliert ist das ein verworrener Lebensweg, positiv ausgedrückt sucht Christa Beckers ständig nach neuer Herausforderung. Dabei hat sie ihre größte Stärke entwickelt: „Ich habe einen guten Blick fürs Ganze“, und fügt hinzu, „den brauche ich auch bei dem Chaos um mich herum.“

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